Wednesday, April 10, 2013

Wenn du nicht in einer Kirche bist, bist du nicht in Mbandaka



Am Sonntag wurden wir dann zu unserm ersten Kirchenbesuch (von Joseph) mitgenommen. Wenn sich in den letzten 50 Jahren vieles zurück entwickelt hat, sind die Kirchengemeinde die große Ausnahme von diesem Trend. Geschätzte 500 Kirchen gibt es in dem ca. 800,000 großen Ort (Stadt kann man Mbandaka nicht wirklich nennen.) Joseph’s Kirche lag gleich neben der Brauerei von Mbandak, in einem eher schlichten aber grossen Raum. Die Wände hinter der „Prediger Kanzel“ waren mit Stoffen ausgehängt und an der Decke baumelten aufblasbare Coca-Cola, Fanta und Sprite Bälle. 

Eine Herde von Menschen waren bereits anwesend als wir eintrafen – alle in ihrer Sonntagkleidung, mit den ausgefallensten Schuhen, Kleider, Schmuck und selbst die detailliert lackierten Fußnägel (in mehreren Farben) konnte wir, auf unseren Plätzen in der ersten Reihe, bestaunen.

Die ersten Stunden vergingen mit etlichen Gesangeinlagen. Die Dame des Hauses, die Frau des Pastors, hatte dabei eine besondere Rolle. Eine Stunde verspätet kam sie mit grossem Hut, schicker Kleidung und dekoriert mit allerlei Schmuck an, um uns eine 60- Minuten Show zu bieten (am Ende der insgesamt 4 Stunden wurde Ihre CD von Ihrem Mann Verkauf für $3 das Stück – uns wurde ein Exemplar geschenkt! Siehe Blider). Der unglaublich Amerikanisch wirkende Gastpastor schrie dann die nächste Stunde ins Mikrophon, bevor eine Stunde des Geldeintreibens begann – die erste Runde musst man Geld hinterlassen um vom Pastor persönlich gesegnet zu werden, die zweit Runde für die Kirch Bargeld in den Wäschekorb abgeben, Runde 3 war dann ‚heimliche‘ Geldabgabe in Umschlägen für die Kirche, Runde 4 war für den Gastpastor, und Runde 5 war spezielles Geleintreiben für eine christliche Radiostation die die Kirche in Angriff nehmen wollte (allerdings keine Ahnung von Radiostationen hat, wie im Gespräch danach klar wurde) Runde 5 war besonders entsetzlich für mich – auf der Bühne sahsen sowieso schon die ganzen ‚reichen‘ der Gemeinde, mit ihren Kostümen und Schmuck, getrennt von dem ‚Volk’ und nun fing die Versteigerung an… $300 für die Radiostation. $300 pro Person? Kann ja nicht sein, oder doch? Der kleine Helfer mit einem Stapel von kleinen Zetteln, stand Vorne und wartet darauf das sich jemand vom Volk nach vorne wagen und sich für $300 verpflichten würde. Keiner kam… $200!?!! Einige machten sich auf den Weg. $150. $100, $80 mehr und mehr kamen um einen kleinen Zettel abzuholen und auszufüllen in dem sie sich verpflichten würden noch mal Geld zu spenden, nachdem sie bereits drei oder viermal Geld an die Kirche abgeliefert hatten… bis $10 wurde gefeilscht. In einer Gegend wo das tägliche Einkommen von 94% der Menschen unter $1.25 liegt, löste diese Spektakel nur Kopfschütteln ( und leichte Aggression) aus….
Wir sollten dann auch gleich rekrutiert werden. Alle Neulinge mussten nach vorne und wurden als Gruppe nach draußen begleitet, wo man von deinem Kirchenmitglied einige Worte zu der schon 40 Jahren bestehenden Gemeinde hört und ein Anmeldeformular in die Hand gedrückt bekommt (auf dem man unter anderem ankreuzen musste wann man Jesus als seinen Erlöser empfangen hat). Wir bekamen unseren Übersetzer der sehr gutes Englisch sprach – kein Wunder, schließlich hatten sie von Amerikanern gelernt (Selbst der Gastpastor hatte Teil seiner Rede auf Englisch gehalten weil er dort ‚studiert‘ hatte) – das Geldeintreiben wohl auch.

Was soll man dazu noch sagen. Irgendwie kann ich die Menschen ja verstehen. Nach einem halben Jahrhundert Chaos und Unterdrückung, Angst und stätigem Verfall von Staat und Struktur, an was soll man da noch glauben? Opium für die Massen, weil Kunst und Wissenschaft Angst und Hoffnungslosigkeit weichen musste, ist diese Art von Manipulation so wirksam. Es wird wohl nicht die letze Kirche gewesen sein die ich hier besuche.

Passend zu dem Thema, schreibt Tim Butcher in „Blood River – Ins duckle Herz des Kongo“ als er im Osten des Landes reiste und eine englisch Missionarin trifft, folgendes: „Der Krieg hatte größere Auswirkungen insofern, als für ein Weiterkommen der Kongolesen nur noch zwei Wege gangbar sind. Vorher hat es wenigstens ein vom Staat bezahltes Schulsystem, ein Transportsystem für Reisen in andere Landesteile und ein Gesundheitssystem gegeben, sodass Kranke eine Chance auf Genesung hatten. Heute existiers das alles nicht mehr, war dazu führt, dass dir nur zwei Möglichkeiten offenstehen – du schliesst dich einer Kirche an, der einzigen Organisation, die für Erziehung, für einen Entwicklungsweg sorgt, oder du schliesst dich einer der Milizen an und profitierst vom Krieg.“ Im Osten des Landes bleibt nach meiner Einschätzung nur der erste Weg offen… Die englische Missionarin fügt ein seine Buch hinzu: „als Kirchenvertreterin ist das großartig“

Aus meinem letzten Studium ist mir noch in Erinnerung wie wichtig Strukturen und Vertrauen in Organisationen ist wenn man effektive soziale Bewegungen schaffen will. Kirchen fallen da natürlich mit in die Kategorie… es bleibt die Hoffnung das hier was zu machen ist. Mal gucken was da noch kommt…

1 comment:

Anna said...

Wow, heftige Geschichte. Die Kirchengründer sind offensichtlich schlaue Geschäftsleute. Traurig, dass sie zu diesen Mitteln greifen, Menschen und deren Hoffnung und Vertrauen auszunutzen um rech zu werden.
In meinen Augen sind Kirchen und Religionen immer mit Vorsicht zu genießen.

Danke für diesen Bericht! War wirklich sehr interessant! Mal sehen was du noch so erlebt hast, bin ganz zufällig auf deinen Blog gestoßen.

Liebe Grüße,
Anna